Menschenbild und Ethik
Forschungsprojekt Habituelle Unternehmensethik
Federführung: Prof. Dr. Ulrich Hemel, Institut für Sozialstrategie, Laichingen/Berlin
Geschäftsführung: Dr. Andreas Fritzsche, Diözese Hildesheim und Universität Lüneburg
Mitglieder:
PD Dr. Eike Bohlken, Forschungsinstitut für Philosophie Hannover
Anna Maria Hauk MA, Forschungsinstitut für Philosophie Hannover
Marlene Kammerer, Institut für Sozialstrategie, Laichingen/Berlin
Dr. Thomas Köhler, Eduard Pestel Institut, Hannover
Dr. Christoph Kumpf, Comparatio Hannover
Prof. Jürgen Manemann, Forschungsinstitut für Philosophie Hannover
Prof. Dr. Peter Nickl, Universität Münster
Dr. Thomas Polednitschek, Philosophische Praxis, Münster
Dieter Timm, ehemaliger Marketingleiter bei Continental-Contitech, Hannover
Diskussionspapier
Werte und Haltungen
Habituelle Unternehmensethik
(Prof. Dr. Jürgen Manemann
Forschungsinstitut für Philosophie Hannover)
Habituelle Unternehmensethik versteht Ökonomie nicht als selbst-referenzielles System, sondern als „embedded economy“. Aus Sicht einer habituellen Unternehmensethik kann es keine von gelebter Moral abgelöste Unternehmenskultur geben. Es sind die inkorporierten Erzählungen und Erinnerungen der Lebenswelt, die die gelebte Moral leiten und Werte und Haltungen ausprägen. Der Habitus bestimmt die Spielräume unseres Handelns. Er legt fest, welches Verhalten einer Person versperrt ist, ohne die Praxis insgesamt festzulegen. „Habitus“ steht aber nicht für die Praxis der Gewohnheit und der Routine – ein vielfach vorfindbares soziologisches Missverständnis. Im Unterschied zu routinierten Handlungen werden habituelle Handlungen mit ganzer Seele vollzogen. Der Habitus steht also dafür, dass Handlungen nicht alleine deswegen gut sind, „weil ihre Folgen wünschenswert sind, sondern sie müssen … mit der Güte der handelnden Person verbunden sein“ (P. Nickl). Der Habitus bezeichnet somit auch die innere Qualität unseres Handelns.
Die Bedeutung der Werte und Haltungen wird deutlich, wenn man ihre Gefährdungen in der Gegenwart erkennt. Werte und Haltungen entstehen in sozialen Praktiken. Zerstörerisches Verhalten offenbart einen zunehmenden Erfahrungsverlust in der Lebenswelt. Droht Erfahrungsverlust, verschwinden Werte und Habitus. Erfahrungsverlust ist u.a. das Ergebnis von Schockerfahrungen. Die Dauermobilisierung eines Reizschutzes gegenüber der Umwelt führt zu einer allenfalls rudimentären Ausbildung von Empathiefähigkeit. Empathieverlust bedeutet Werteverlust. Des Weiteren entsteht Erfahrungsverlust durch die vollständige Abkoppelung einer Systemwelt von der Lebenswelt.
Habituelle Unternehmensethik verbindet Lebenswelt und Wirtschaftsystem miteinander. Die Werte und Haltungen, die sich in den Prozessen memorativ-narrativer Identitätsbildung einstellen, sind die wichtigsten Garanten dafür, dass konstitutive Regeln des Zusammenlebens in praxi befolgt werden. Eine Unternehmensethik kann sich deshalb nur um den Preis der Selbstaufgabe von der Frage nach einer Alltagsethik und ihren Problemen dispensieren.
In habituellen Sozialformen des alltäglichen Umgangs miteinander ist ein Wissen sedimentiert, das verhindert, dass Menschen sich am bloßen Eigeninteresse oder an reiner Präferenzerfüllung orientieren. Wirtschaftssubjekte sind nicht nur homines oeconomici. Es kommt darauf an, Wirtschaftssubjekte als „Menschen mit mehr oder weniger viel Gemeinsinn wahrzunehmen, die das Wirtschaften als Beitrag zum guten Leben auffassen und dieses in Bezug setzen zu ihren eigenen Lebensentwürfen und Vorstellungen vom gesellschaftlichen Zusammenleben.“ (U. Hemel).
Ein Unternehmer, der sein Unternehmen wertorientiert führt, kann deshalb gar nicht anders, als die Ressourcen zu fördern, die ein Ich zum Subjektsein braucht und die seine Werte und Haltungen prägen. An der Zeit ist deshalb eine habituelle Unternehmensethik, die auf diese Zusammenhänge reflektiert. Sie versteht Wirtschaft als eine Sphäre sozialer Freiheit, in der Menschen über kooperierende Handlungen Anerkennung erfahren. Als eine solche Sphäre besitzt die Ökonomie auch eine eigene Moralsprache. Diese bezieht sich auf Leistungsgerechtigkeit. Wird diese Sphäre sozialer Freiheit absolut gesetzt, wird sie abgekoppelt von den anderen Sphären sozialer Freiheit, von der Anerkennungssphäre der Liebe und der des Rechts, dann wird sie pathologisch.
Habituelle Unternehmensethik versteht sich zuerst als eine gesellschaftliche Praxis, die gegen Zersetzungen kultureller Ressourcen durch Marktmechanismen kämpft. Menschen benötigen nicht nur ökologische, sondern auch kulturelle und religiöse Umwelten. Eine Unternehmensethik verhielte sich parasitär, wenn sie ihre Angewiesenheit auf die komplexen, vielfach gebrochenen kulturellen und religiösen Traditionen nicht erkennen würde, welche die Welt immer wieder neu mit nicht-hergestelltem Möglichkeitssinn, mit Hoffnungen aufladen und es nicht erlauben, sich vom Leid des Anderen vollständig zu dispensieren.
Eine habituelle Unternehmensethik investiert in ein Bildungssystem, in dem Individuen, allen voran Kinder, in ihrer konkreten Bedürfnisnatur anerkannt und in ihrem Selbstverhältnis gestärkt werden. Habitualisierte Anerkennungsverhältnisse sind die Basis dafür, dass wir Abscheu vor Unmenschlichkeit empfinden, dass wir Glück wahrnehmen, das nicht aus dem Unglück Anderer hervorgeht, kurz: dass wir in der Lage sind, mitzufühlen und zu verstehen, und so eine Kultur der Anerkennung des Anderen in seinem Anderssein ausbilden.
©Jürgen Manemann