Menschenbild und Ethik - Archiv

Herbsttagung 2007: Mensch-Bild-Menschenbild

Anthropologie und Ethik in Ost-West-Perspektive
Tagung des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover
am 13. Oktober 2007
im Joseph Joachim-Saal der Stiftung Niedersachsen, Hannover

In verschiedenen Kontexten berufen sich Diskussionsteilnehmer/innen immer wieder auf ihre Menschenbilder. Sie scheinen für die (gemeinsame) Wertorientierung eine wichtige, konstitutive Rolle zu spielen, weil sie Ansichten und Annahmen über das Wesen des Menschen implizieren, die fast immer auch normativ sind. Dadurch, dass das Selbstverständnis von Menschen im Zeitalter von Gehirnforschung, Künstlicher Intelligenz, Nanotechnologie und genetischer Optimierung immer mehr in Frage gestellt wird, wird das Thema zusätzlich brisant. Zudem werden unsere Gesellschaften pluralistischer, so dass Menschenbilder auf Menschenbilder prallen, ohne dass es immer zu einem fruchtbaren Dialog kommt.

    Im Gegensatz zu explizit formulierten ethischen Argumenten, die ein gewisses Fachwissen oder Bildungsniveau vorauszusetzen scheinen, haben alle Personen Zugang zu und Meinungen über Menschenbilder. Ob es um Computerspiele, bei denen „Menschen“ abgeschossen werden, oder aber um den Status von Embryonen im Kontext der Abtreibung geht, spielen Menschenbilder oft eine außerordentlich wichtige Rolle. Aber wodurch gewinnen Menschenbilder solche normative, wertorientierende Kraft? Menschenbilder beinhalten nicht nur Annahmen über Anthropologisches, sondern sind auch (anders als explizit formulierte ethische Argumente) ästhetischen Kategorien unterworfen, die selbst kulturabhängig sein dürften. Deshalb erscheint es notwendig, Menschenbilder und ihren Zusammenhang mit Fragen ethischer Orientierung genauer zu untersuchen, vor allem in transnationaler bzw. transkultureller Perspektive.

    Dabei ist die Ost-West-Perspektive für die europäische Integration von besonderer Bedeutung, wurde aber bisher in diesem Zusammenhang erst wenig thematisiert. Im Rahmen eines seit 2001 bestehenden Stipendienprogramms für osteuropäische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnte das Forschungsinstitut besondere Kompetenzen im Ost-West-Dialog entwickeln. Diese möchte das Forschungsinstitut einbringen sowie weiter ausbauen bei der Erforschung des Problemfeldes um das Menschenbild. Dabei beschäftigen uns u.a. folgende Fragen: Inwieweit trifft die Beobachtung zu, dass das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft in östlichen Kontexten stärker problematisiert wird als in den westlichen Kontexten, in denen dem Individuum eine viel prominentere Rolle zugesprochen wird? Spielt das Bild (Ikone) als Vorbild in den östlichen Ethiken eine stärkere Rolle als in den westlichen Diskursen? Ist dort der christliche Einfluss auf allgemein geteilte Menschenbilder größer oder schwächer als im Westen? Gibt es vom verschiedenen Menschenbild her unterschiedliche Vorstellungen in Bezug auf Marktwirtschaft, Rechtsstaat und Demokratie? Welche Auswirkungen hat dies auf den Prozess der europäischen Integration?

    Das Forschungsinstitut will über die Ost-West-Differenzen hinaus mit dem Projekt untersuchen, wodurch und inwieweit Menschenbilder ihre normative und argumentative Kraft zu Recht beanspruchen können. Sind bestimmte Menschenbilder zu Recht besser als andere, und wenn ja, warum? Wie werden die Werte eines Menschenbildes begründet – oder sind sie vielmehr die Begründung für ethische Argumentation? Inwieweit ist der Rekurs auf ein bestimmtes Menschenbild in gegenwärtigen Debatten (wie etwa um den Status von Embryonen im Kontext der Stammzellenforschung) argumentativ zwingend? Ferner soll untersucht werden, was das speziell Ästhetische und was das Anthropologische an Menschenbildern darstellt, welches sie von anderen Formen ethisch relevanten Wissens unterscheidet. Inwieweit unterscheiden sich Menschenbilder von anderen Bildern im traditionellen Sinne? Wie verhält sich ein Menschenbild zu dem Menschen, der es konstruiert – im Gegensatz zu einem Menschen, den es nicht konstruiert, aber den es zu beschreiben beansprucht?


09:30    Begrüßung

Gerhard Kruip (Direktor des FIPH)


09:40    Was sind Menschenbilder?

Christian Thies (stellv. Direktor des FIPH)


10:10    Ethik und Ästhetik: Das Bild von Menschen und dessen moraltheoretische Relevanz

Burkhard Liebsch (Bochum, Deutschland)


10:30    Das Bild des Menschen als Gottes Ebenbild. Eine Lektüre aus sozialtheologischer Perspektive des orthodoxen Christentums

Radu Preda (Cluj-Napoca, Rumänien)


10:50    Diskussion


11:20    Pause


11:30     Der Mensch und Die Menschen: Pluralität und Identität im Spannungsfeld zwischen Staat und Gesellschaft

Wioletta Symczak (Lublin, Polen)


11:50    Menschenbilder in der philosophischen Anthropologie: Keine universellen Konstanten?

Gerald Hartung (Berlin, Deutschland)


12:10    Diskussion


12:40    Mittagspause


14:00    Das Bild des Menschen in den Menschenrechten

Manfred Brocker (Eichstätt, Deutschland)


14:20    Das christliche Menschenbild: Was ist es und wozu ist es gut?

Tomasz Homa (Krakau, Polen)


14:40    Diskussion


15:10    Pause


15:30    Universelle Ethik, partikulare Wahrnehmung, agonale Ästhetik?

Ekaterina Poljakova (Moskau, Russland)


15:50    Das Leben als Kunstwerk

Christof Kalb (Hannover, Deutschland)


16:10    Diskussion


16:40    Pause


17:00    Podiumsdiskussion mit den Referentinnen und Referenten sowie mit eingeladenen Gästen


18:00    Ende der Tagung


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